In der Stille der Zeit

"Wir sind nicht mehr die, die wir waren. Und wir waren nie die, die wir gewesen sein wollen."

In einer deutschen Kleinstadt, gezeichnet von der Stille der beginnenden Corona-Pandemie, kreuzen sich die Wege von Agnes, Sabine und Elisabeth erneut. Drei Frauen, drei Lebensentwürfe, unterschiedliche Erinnerungen.

 

Anlässlich einer Hochzeit wieder zusammengeführt, konfrontiert sie die Vergangenheit mit ungelösten Fragen und dem Echo einer Tragödie. Rückblenden in ihre Jugend enthüllen, wie Erinnerungen die Gegenwart formen – und wie unzuverlässig sie doch sein können.

 

Während Agnes in ihrer stillen Welt lebt, Elisabeth den Druck der Perfektion spürt und Sabine an alten Träumen festhält, entfaltet sich eine Geschichte von Schuld und Selbstfindung. Sind sie noch die, die sie waren, oder waren sie nie die, die sie gewesen sein wollen?

 

Ein Roman, der zeigt: Erinnerungen sind so facettenreich wie das Leben selbst.

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Zur Entstehung des Buchs

Immer wieder bin ich gefragt worden, warum ich „In der Stille der Zeit“ geschrieben habe – ich nehme an, einmal als Frage nach der Motivation, überhaupt ein Buch zu schreiben (einfach, weil es mein erstes belletristisches Werk war) , und dann wegen des Themas. Ich habe diese Frage dann in mein Lesungskonzept aufgenommen und diejenigen, die bei einer meiner Lesungen waren, wissen also Bescheid. Für die anderen, die „In der Stille der Zeit“ jetzt lesen oder nicht die Gelegenheit zum persönlichen Austausch hatten, möchte ich meine Motivation jetzt hier gern beschreiben.

Zu der Frage der allgemeinen Motivation, also der, überhaupt zu schreiben, ist ja auch schon etwas bei „Über mich“ zu lesen: Wie wirklich ganz erstaunlich viele Menschen wollte ich schon von Kindheit an gern ein Buch schreiben und habe davon geträumt, Schriftstellerin zu sein, habe das aber aus unterschiedlichen Gründen (vor allem Zeit, aber auch die Frage „über was schreiben?“, Hemmungen und anderes mehr) nicht ernsthaft verfolgt. Während meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit Briefen und Aufzeichnungen von Menschen im 19. Jahrhundert und der daraus resultierenden, ganz allgemeinen Beobachtung, dass das Erleben ganz ähnlicher Situationen doch sehr unterschiedlich erfolgen kann, entstand ein intensives Interesse an Erinnerungskultur bzw. dem Umgang mit Erinnerungen und die Erkenntnis, dass ich nicht weit gehen muss, um Spannendes in dem Bereich auszumachen: Jede:r von uns erinnert ganz individuell. Wenn wir über dasselbe Erlebnis sprechen – Weihnachten im Familienkreis, Schulerinnerungen, Urlaubsreisen – sind die Beschreibungen der Teilnehmenden so unterschiedlich, als habe man verschiedene Unternehmungen erlebt. Erinnerung ist ein Konstrukt und einigermaßen unzuverlässig. Das zu erkennen, kann sowohl befreiend als auch beunruhigend sein. Damit hatte ich ein gutes Thema für mein erstes belletristisches Werk!

Hinzu kam, dass ich das Buch „Wuhan Diary“ gelesen hatte und mich das Festhalten dieser sehr außergewöhnlichen Ereignisse sehr beeindruckt hat – natürlich, weil es von der Autorin im diktatorischen China extremst mutig war, die Dinge gerade in Wuhan so beim Namen zu nennen und sich der staatlichen Zensur zu widersetzen (die Texte waren zuerst als Blog erschienen und wurden regelmäßig entfernt), aber auch, weil es eine Chronik außergewöhnlicher Zeiten ist, von denen wir hoffen, dass sie nie wiederkommen. Selbstverständlich (und zum Glück!) lassen sich die Geschehnisse bei uns nicht mit denen in Wuhan vergleichen, aber außergewöhnlich war alles für uns doch auch und damit meiner Meinung nach ebenfalls eine Art Chronik wert. So habe ich dann einen genau bestimmbaren Zeitraum ausgewählt, in dem die Erzählzeit meines fiktiven Romans liegt: Am 3. Oktober 2020 beginnt die Handlung mit Agnes` Autofahrt von ihren Eltern nach Hause und endet am 30. Oktober 2020. Für diesen Zeitraum habe ich alle realen Daten zusammengesucht, die meiner Meinung nach relevant waren:

  • Auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums waren unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/chronik-coronavirus alle rechtlichen Änderungen gelistet (im Text findet dann zum Beispiel die Meldung zur Nationale Impfstrategie vom 23. Oktober 2020 Erwähnung).
  • Auf hessen.de oder den Seiten des RKI waren die Zahlen der Infektionen bundes- und hessenweit für diesen Zeitraum zu finden.
  • Auf tagesschau.de gab es einen Überblick über die sonstigen nationalen und internationalen Ereignisse dieser Zeit, die wegen COVID damals natürlich sehr in den Hintergrund getreten sind und die ich deshalb umso erwähnenswerter fand (im Text zum Beispiel das Gedenken an das Attentat von Halle ein Jahr zuvor oder der Terroranschlag auf den Geschichtslehrer Samuel Paty in einem Pariser Vorort).
  • Und schließlich habe ich, weil ich den Rahmen dann auch wirklich umfassend sozusagen historisch belegt haben wollte, sogar das Wetter im Rhein-Main-Gebiet für diese Zeit recherchiert. Das hatte zur Folge, dass ich das Wetter nicht der Stimmung der Szenen anpassen konnte, sondern die Protagonist:innen wie im wahren Leben nehmen mussten, was kam, aber ich glaube, das hat dem Ganzen keinen Abbruch getan.

Diese Recherchearbeit und Einbeziehung der tatsächlichen Ereignisse wurde vielfach sehr positiv angenommen, teilweise aber auch kritisch betrachtet. Das ist natürlich vollkommen in Ordnung. Ich selbst bin jedenfalls immer noch froh, dass ich es so gemacht habe, weil es, je länger diese Zeit zurückliegt, immer häufiger vorkommt, dass Lesende darüber staunen, was in dieser Zeit tatsächlich passiert ist, und es für ihre persönliche Einordnung dieser Zeit durchaus gut finden, die Tatsachen zumindest in Teilen noch einmal vor Augen geführt zu bekommen.

Ja, so war das mit der Entstehung von „In der Stille der Zeit“. Und nein, es ist kein autobiographisches Werk, wenn auch natürlich alles, was wir erleben, sehen, lesen in alles, was wir entstehen lassen, einfließt (das Buch „Rot“ von Uwe Timm, zu dem es einen intertextuellen Bezug gibt, hat mich beim Lesen sehr beeindruckt, der Bezug ist also -natürlich- nicht zufällig, und auch die Musik der Schulzeit, an die im Roman erinnert wird, hat mich getragen – die Protagonistinnen sind ebenfalls nicht zufällig im selben Alter wie ich, als ich ihre Geschichte erzähle).